Wenn Erwachsene lesen und schreiben lernen

Kann jeder lesen und schreiben? Nein: In Deutschland sind zwei Prozent der Menschen, die über achtzehn Jahre alt sind und eine Schule besucht haben, Analphabeten und Analphabetinnen. Vierzehn Prozent können nicht ausreichend lesen und schreiben. Dies nennt man funktionalen Analphabetismus; insgesamt sind dies circa zehn Millionen Deutschsprachige, die nicht alltagsentsprechend lesen und schreiben können.

Jeder Sechste hat Schwierigkeiten

Bei insgesamt etwas über achtzig Millionen Menschen in Deutschland kann man also davon ausgehen, dass ungefähr jeder sechste Erwachsene, der einem auf der Straße begegnet, nicht in der Lage ist, Formulare auszufüllen, an einem Bankautomaten eine Überweisung zu tätigen oder einen Brief von einer Behörde zu verstehen.

Viele Menschen sind sehr gut in der Lage, ihre Schwierigkeiten zu verstecken und zu überspielen. Sätze wie im Supermarkt: „Ich habe meine Brille vergessen, können Sie mir das mal vorlesen?” oder im Restaurant: „Was du bestellt hast, hört sich lecker an. Das nehme ich auch!” können auf eine Schwierigkeit in diesem Bereich hindeuten.

Stress

Menschen, die Probleme mit dem Lesen und Schreiben haben, stehen häufig stark unter Druck. Sie wollen nicht, dass irgendjemand aus ihrer Umgebung davon erfährt. Sie müssen sich ständig tarnen und vorspielen, dass sie etwas können, was sie nicht vermögen. Sie müssen sich Sachen merken, die andere sich aufschreiben, und so tun, als würden sie ablesen. Den Menschen in ihrer Umgebung fällt es meist nicht auf, denn jeder geht davon aus, dass alle um ihn herum lesen und schreiben können. Analphabetinnen und Analphabeten haben beispielsweise gern ein Zeitungsabo, weil jemand, der eine Zeitung auf dem Tisch liegen hat, zwangsläufig ja lesen können muss. So meinen sie, sich selbst aus der vermeintlichen Schusslinie nehmen zu können.

Häufig ist der Partner eingeweiht und hilft unauffällig, füllt Formulare aus, erledigt die Weihnachtspost und bestellt zum Beispiel in Online-Shops wie bei Ralph Lauren, sodass der oder die Betroffene einfach nur die Bilder ansehen muss, den Rest erledigt der Partner oder die Partnerin. Fehlt dieser oder diese beispielsweise durch Trennung oder Tod, ist dies für den Betroffenen oder die Betroffene eine Katastrophe, weil dann wieder Leistungen zu erwarten sind, die nicht erbracht werden können.

Erwachsene lernen das Alphabet

Die Volkshochschulen in Deutschland bieten Lese- und Schreib-Kurse an. Diese Kurse sind im Programm ausgeschrieben. Dabei ist das Problem, dass genau jene Menschen, denen solche Kurse angeboten werden, das Angebot nicht lesen können. Sie müssen darauf hingewiesen werden, damit sie das Angebot überhaupt wahrnehmen können. Und sie müssen selbst lesen und schreiben lernen wollen. Denn Zwang führt zu keinem Erfolg.

Hierbei sollte auch berücksichtigt werden, dass Schulkinder an fünf Tagen in der Woche mindestens vier Stunden pro Tag Unterricht haben und danach noch Hausaufgaben machen. Bis sie richtig lesen und schreiben können, sind viele Kinder schon in der sechsten Klasse. Ein Erwachsener in einem Volkshochschulkurs braucht entsprechend länger.

Wer erst einmal ohne Kursanbindung und anonym lernen möchte, kann dies zum Beispiel im Lernportal machen. Das Portal wird vom Deutschen Volkshochschul-Verband e. V. angeboten.

Fazit

Lesen und Schreiben sind auch in Deutschland keine alltäglichen Fähigkeiten. Menschen, die damit Probleme haben, sollten verständnisvoll auf Lernmöglichkeiten hingewiesen werden.